Hopstener Schüler nehmen Giftmüll-Skandal unter die Lupe
An der Tür prangt ein großes Schild: „Vorsicht! Bissiger Hund!“ Auf dem Gelände dahinter rosten alte Autos vor sich hin, stehen Metallfässer, stapeln sich Reifen und Schrottteile.
Die Szene ist eingebettet in einen Wald, viel Grün, Natur pur. Doch die Idylle trügt: Der Schrottplatz, der als Modell inmitten eines Klassenzimmers steht, ist 1984 Schauplatz eines der größten Giftmüll-Skandale im Kreis Steinfurt.
Damals war von den Schülern der Jahrgangsstufe 11 der gymnasialen Oberstufe an der Hüberts´schen Schule noch keiner auf der Welt. Und doch setzen sich die heute 16- und 17-Jährigen intensiv mit den Geschehnissen auseinander, die vor 27 Jahren die Menschen in der Region beschäftigten.
Die Klasse beteiligt sich am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten „Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte“. Der Vorfall auf dem Dickenberg ist „ihr“ Skandal, den sie seit September unter die Lupe nehmen, aufarbeiten, analysieren.
Um an einen echten Aufreger aus einer Zeit zu kommen, an die sie sich selbst gar nicht erinnern können, fragen die Schüler so ziemlich jeden: Eltern, Großeltern, Frisöre, Bewohner der Altenheime, Heimatvereinsmitglieder, Apotheker. Irgendwann stoßen sie auf: „Giftfund auf dem Dickenberg: 165000 Liter Sondermüll gelagert“.
Zur Recherche begeben sie sich in das Archiv unserer Zeitung, fördern unzählige Artikel zutage – bis 1993 wurde über den Skandal und das anhängige Gerichtsverfahren berichtet. Fein säuberlich geordnet hängen die Ausdrucke mit einer Zeitleiste an der Wand, Wichtiges ist bunt unterstrichen.
Die Artikel brauchen die Schüler längst nicht mehr, sie wissen aus dem Kopf, was passiert ist. „Die Besitzer des Schrottplatzes haben auf ihrem Gelände und auch an anderen Stellen im Kreis Steinfurt Giftmüll gelagert“, erklärt Jan Friedrich (17).
Die Palette reicht von Farb- und Lackresten bis hin zu hochgefährlichen Chlorkohlenwasserstoffen, die widerrechtlich gelagert, unter Betonplatten verbuddelt oder einfach abgekippt worden sein sollen. Und hinter dem Skandal verbirgt sich ein weiterer: „Die Behörden des Kreises Steinfurt sollen seit Jahren davon gewusst, aber nichts unternommen haben.“
Die Schüler wälzen die umfangreichen Materialien, sprechen mit den zuständigen Ämtern, versuchen sogar, den ehemaligen Schrottplatzbetreiber zu befragen. „Aber der wollte nichts dazu sagen“, berichtet Jule Prekel (16) und formuliert damit ein Problem, mit dem die Klasse während ihrer Arbeit immer wieder konfrontiert wird: „Man rührt in alten Wunden. Das gefällt nicht jedem.“
Vielleicht auch, weil die Schüler unbequeme Fragen stellen, wissen wollen, ob ein solcher Skandal auch heute noch möglich sei, wie sich die Wertvorstellungen und Einstellungen der Verantwortlichen verändert haben, welche Rolle die Medien damals und heute bei solchen Ereignissen spielen.
Aus den Antworten und den Ergebnissen ihrer Arbeitsgruppen ziehen die Jugendlichen ihre eigenen Schlüsse. Die sollen als Multi-Media-Präsentation, einer Mischung aus Film, Fotos und Schriftstücken, ihren Wettbewerbsbeitrag ausmachen.
„Das Thema ist hochaktuell“, weiß Lehrerin Kirsten Hemesath, die der Klasse den Wettbewerb vorschlug, und verweist auf die Ölpest im Golf von Mexiko, den Dioxin-Skandal und die Castor-Transporte. Ein solcher Geschichtsunterricht sei außergewöhnlich, aber „solche Ergebnisse bleiben haften“.

Im Geschichtsunterricht in der elften Klasse der gymnasialen Oberstufe an der Hüberts´schen Schule in Hopsten dreht sich derzeit alles um einen Giftmüll-Skandal auf dem Ibbenbürener Dickenberg, der von 1984 bis 1993 für Schlagzeilen sorgte. Mit ihren Rechercheergebnissen sowie ihrer Aufarbeitung und Analyse der Erkenntnisse beteiligen sie sich am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. (Foto: Antje Raecke)
Quelle: IVZ Online, URL: http://www.ivz-online.de/lokales/kreis_steinfurt/hopsten/1490948_hopstener_schueler_nehmen_giftmuell_skandal_unter_die_lupe.html (2011-02-07)
Zur Information:
Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten
Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte. So lautet das Motto des aktuellen Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Start war am 1. September, Einsendeschluss ist am 28. Februar. Am Wettbewerb können alle Kinder und Jugendliche unter 21 Jahren teilnehmen – allein, in Gruppen oder mit der ganzen Klasse. Ausgerichtet wird der Wettbewerb von der Körber-Stiftung in Hamburg, die Preise im Gesamtwert von 250 000 Euro auslobt. Die Teilnehmer sollen sechs Monate die Geschichte ihres Wohnortes oder ihrer Region zu einem bestimmten Thema erforschen. Die besten Projekte werden auf Bundes- und Landesebene ausgezeichnet. Gegründet wurde der Geschichtswettbewerb 1973 als gemeinsame Initiative von Gustav Heinemann und dem Hamburger Stifter und Unternehmer Kurt A. Körber. Seither haben mehr als 120 000 junge Menschen mit rund 25 000 Projekten teilgenommen. Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist Mitglied von „Eustory“, dem Netzwerk europäischer Geschichtswettbewerbe.
Mehr Informationen unter http://www.geschichts-wettbewerb.de